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Warum wir uns falsch erinnern: Erinnerung ist Rekonstruktion, kein Abruf

Vielleicht stellst du dir dein Gedächtnis wie einen Film vor, den du jederzeit zurückspulen kannst. Daniel Simons und Christopher Chabris ließen dazu im Juni 2009 insgesamt 1.838 Menschen in den USA befragen. Nach Gewichtung auf die Bevölkerung stimmten 63 Prozent der Aussage zu, das Gedächtnis arbeite wie eine Videokamera. Alle 16 befragten Gedächtnisforscher mit mehr als zehn Jahren Erfahrung widersprachen. Den Satz, eine einmal gebildete Erinnerung verändere sich nicht mehr, hielten 47,6 Prozent der Befragten für richtig.

Warum wir uns falsch erinnern: Erinnerung ist Rekonstruktion, kein Abruf

Aufbauend auf den Versuchen von Frederic Bartlett beschreibt die Psychologie das Erinnern heute als Rekonstruktion. Beim Abruf setzt das Gedächtnis eine Erinnerung aus einem gespeicherten Kern und Vorwissen neu zusammen. Den groben Ablauf eines Erlebnisses behält es nach Bartletts Deutung eher als die Einzelheiten. Fehlende Details ergänzt es aus dem, was typisch oder naheliegend erscheint. Solche Ergänzungen können sich von innen anfühlen wie echte Erinnerungen. Eine Erinnerung kann deshalb lebhaft und sicher wirken und trotzdem in wichtigen Details falsch sein.

Wie eine Erinnerung entsteht und beim Abruf formbar wird

Das Gedächtnis arbeitet in drei Schritten: Enkodierung, Speicherung und Abruf. Bei der Enkodierung gelangt eine Information ins Gedächtnis, bei der Speicherung bleibt sie erhalten. Beim Abruf holst du sie zurück ins Bewusstsein, etwa wenn dir der Name eines früheren Mitspielers einfällt. Eine lückenlose Aufzeichnung kann dabei nicht entstehen, weil Wahrnehmung und Aufmerksamkeit begrenzt sind. Im dritten Schritt kann eine hervorgeholte Erinnerung wieder formbar werden, und neue Informationen können in sie einfließen. Dabei schleichen sich mitunter Ungenauigkeiten ein, ohne dass du es bemerkst.

Ein möglicher Mechanismus dahinter heißt Rekonsolidierung, also die erneute Festigung einer Erinnerung nach dem Abruf. Nader, Schafe und LeDoux berichteten 2000 im Fachjournal Nature von Ratten, die eine Angstreaktion gelernt hatten. Blockierten die Forscher kurz nach dem Wachrufen die Eiweißbildung im Mandelkern (Amygdala), ging die Angsterinnerung in späteren Tests verloren. Das gelang unabhängig davon, ob das Training einen oder 14 Tage zurücklag. Ohne erneutes Wachrufen blieb die Erinnerung trotz derselben Behandlung erhalten. Ob sich das auf Menschen übertragen lässt, ist umstritten. Eine Übersichtsarbeit von Elsey, van Ast und Kindt (2018) fand viele passende, aber auch widersprüchliche Befunde.

Bartletts Geistergeschichte: Wie Fremdes beim Nacherzählen vertraut wird

Eine der frühesten Versuchsreihen zu verzerrten Erinnerungen veröffentlichte Bartlett 1932 in seinem Buch „Remembering“. Er legte britischen Versuchspersonen die nordamerikanische Volkserzählung „The War of the Ghosts“ vor. Die Geschichte ist sprunghaft erzählt und enthält übernatürliche Elemente. Nach etwa 15 Minuten schrieben die Teilnehmer sie aus dem Gedächtnis auf. Einige wiederholten das Wochen, Monate oder in Einzelfällen Jahre später. Bartlett beobachtete, dass der grobe Aufbau der ersten Wiedergabe in späteren Fassungen erhalten blieb. Mit der Zeit fielen immer mehr Einzelheiten weg.

Aus der Robbenjagd wurde in den Nacherzählungen etwa das Fischen, aus Kanus wurden Boote. In ihren Fassungen ließen die Teilnehmer Unverständliches weg oder erklärten es sich zurecht, Bartlett nannte das Rationalisierung. Seine Belege bestanden allerdings aus ausgewählten Einzelprotokollen ohne Statistik. Erik Bergman und Henry Roediger (1999) wiederholten den Versuch unter kontrollierten Bedingungen mit 30 Studenten. Bei den 13 Teilnehmern, die nach sechs Monaten noch einmal kamen, war das meiste Erinnerte in irgendeiner Form verzerrt. Nach Ost und Kollegen (2022) blieb die Sage vom verschwundenen Anhalter beim Weitererzählen besser erhalten als die Geistergeschichte, wenn auch nicht fehlerfrei.

Wie ein einziges Verb die Erinnerung an einen Unfall verändert

Elizabeth Loftus und John Palmer von der University of Washington zeigten in einer 1974 veröffentlichten Studie 45 Studenten kurze Unfallfilme. Danach schätzten die Studenten das Tempo der Autos, wobei die Frage je nach Gruppe ein anderes Verb enthielt. Mit „smashed“ (ineinanderkrachen) lag der Mittelwert bei 40,8 Meilen pro Stunde, umgerechnet rund 66 Kilometer pro Stunde. Beim Wort „contacted“ (sich berühren) waren es 31,8 Meilen, also rund 51 Kilometer pro Stunde. In einem zweiten Versuch mit 150 Studenten bejahten eine Woche später 16 von 50 Befragten aus der „smashed“-Gruppe, Glasscherben gesehen zu haben. Bei der „hit“-Gruppe waren es 7 von 50, ohne Tempofrage 6 von 50, dabei zeigte der Film keine Scherben.

Wie ein einziges Verb die Erinnerung an einen Unfall verändert

Loftus nennt die Verzerrung durch nachträgliche Falschinformationen Fehlinformationseffekt (misinformation effect). Zusammen mit Miller und Burns (1978) zeigte Loftus 195 Studenten Dias, auf denen ein roter Datsun einen Fußgänger anfährt. Vorher stand das Auto je nach Gruppe an einem Stoppschild oder an einem Vorfahrt-gewähren-Schild. Eine spätere Frage nannte mal das gesehene, mal das andere Schild. Mit passender Frage wählten im Test 75 Prozent das richtige Dia, mit irreführender nur 41 Prozent. In einem weiteren Experiment mit 648 Studenten wirkte eine Falschinformation kurz vor dem Test stärker als direkt nach dem Ereignis. Richtig lagen dann nur 31,5 Prozent, bei sofortiger Falschinformation 46 Prozent. Die Forscher vermuteten, dass sich eine verblasste Gedächtnisspur leichter verändern lässt.

Erinnerungen an Ereignisse, die es nie gab

Noch weiter ging Loftus in einer 1995 veröffentlichten Studie mit Jacqueline Pickrell. Verwandte von 24 Versuchspersonen zwischen 18 und 53 Jahren schilderten je drei echte Erlebnisse aus deren Kindheit. Eine vierte Geschichte war erfunden. Darin ging die Person mit etwa fünf Jahren in einem Einkaufszentrum oder Kaufhaus verloren und wurde weinend von einer älteren Frau gefunden. In zwei Interviews gaben 6 der 24 an, sich ganz oder teilweise an das erfundene Ereignis zu erinnern, also 25 Prozent. Die Autoren betonten, damit keine Quote für die Bevölkerung zu nennen. Eine vorregistrierte Wiederholung (Ablauf und Auswertung vorab festgelegt) von Gillian Murphy und Kollegen (2023) kam bei 123 Teilnehmern auf 35 Prozent.

Manchmal genügt schon eine Liste passender Wörter. Henry Roediger und Kathleen McDermott (1995) griffen ein Verfahren von James Deese (1959) auf, das heute DRM-Paradigma heißt. Sie lasen 36 Studenten der Rice University Wortlisten vor, eine davon etwa mit bed, rest und awake. Das gemeinsame Bezugswort sleep (Schlaf) fehlte darin. Beim freien Aufschreiben tauchte das nie genannte Schlüsselwort bei 40 Prozent der Listen auf. Später waren sich die Teilnehmer beim Wiedererkennen in mehr als der Hälfte der Fälle sicher, es gehört zu haben. Im zweiten Experiment mit 30 Teilnehmern lag die Quote beim Aufschreiben bei 55 Prozent.

Blitzlicht-Erinnerungen und Augenzeugen: Wenn Sicherheit täuscht

Roger Brown und James Kulik prägten 1977 den Begriff Blitzlicht-Erinnerungen (flashbulb memories). Gemeint sind lebhafte Erinnerungen an den Moment, in dem du von einem überraschenden, bedeutsamen Ereignis erfährst. Ein Beispiel war für sie das Kennedy-Attentat. Am 12. September 2001 notierten 54 Studenten der Duke University, wie sie von den Anschlägen des Vortags erfahren hatten, dazu ein Alltagserlebnis. Jennifer Talarico und David Rubin (2003) befragten je 18 von ihnen nach 7, 42 oder 224 Tagen erneut. Die Übereinstimmung der späteren Berichte mit dem ersten nahm bei beiden Erinnerungsarten ähnlich ab. Nur bei der Erinnerung an den 11. September blieben Lebhaftigkeit und Vertrauen in die eigene Genauigkeit hoch, beim Alltagserlebnis sanken sie.

Blitzlicht-Erinnerungen und Augenzeugen: Wenn Sicherheit täuscht

Das Innocence Project zählte in den USA von 1989 bis 2020 insgesamt 375 Verurteilte, die nachträglich durch DNA-Tests entlastet wurden. In 69 Prozent dieser Fälle war eine falsche Identifizierung durch Augenzeugen beteiligt, teils zusammen mit weiteren Fehlern wie falsch angewandter Forensik. Von den 257 gewonnenen Fällen der Organisation selbst, darunter auch Entlastungen ohne DNA-Beweis, sind es 62 Prozent (Stand: 14. April 2026). Laut Wixted und Wells (2017) ist die Sicherheit eines erwachsenen Zeugen vor allem beim ersten, fair durchgeführten Test aussagekräftig. Fachleute um Gary Wells empfahlen 2020 unter anderem, diese Sicherheit sofort festzuhalten. Gegenüberstellungen sollte zudem eine Person leiten, die nicht weiß, wer der Verdächtige ist.

Früh notieren, Belege sichern, gelassen streiten

Weil sich eine verblasste Erinnerung laut Loftus leichter verändern lässt, lohnt es sich, Wichtiges früh festzuhalten. Schreib nach einem Unfall, einem wichtigen Telefonat oder einer Absprache noch am selben Tag auf, was passiert ist. Talarico und Rubin konnten Veränderungen vom ersten Tag an verfolgen, weil die Teilnehmer ihre Erinnerungen schon am 12. September aufgeschrieben hatten. Fotos, Chatverläufe und E-Mails ergänzen solche Notizen, weil sie sich beim Erinnern nicht mitverändern. Echt müssen sie allerdings sein. In einer Studie von Wade und Kollegen (2002) sahen 20 Teilnehmer ein gefälschtes Kinderfoto von sich bei einer Ballonfahrt. Nach drei Interviews mit Vorstellungsübungen berichtete die Hälfte ganz oder teilweise falsche Erinnerungen an diese Fahrt.

Bei Streit darüber, wer was gesagt hat, bringt ein Blick in den Chatverlauf mehr als jede Beteuerung. Nach dem Modell der Quellenüberwachung (source monitoring) von Johnson, Hashtroudi und Lindsay (1993) beurteilt das Gedächtnis beim Erinnern, woher eine Information stammt. Liegt dieses Urteil daneben, hältst du zum Beispiel Gehörtes oder Gelesenes für selbst erlebt. In einer 2022 veröffentlichten Studie legten Deepasri Prasad und Wilma Bainbridge 100 Erwachsenen 40 bekannte Figuren, Logos und Symbole in je drei Varianten vor. Bei Pikachu wählten die Teilnehmer eine Variante mit schwarzer Schwanzspitze häufiger als die richtige. Im Netz heißen solche geteilten Irrtümer Mandela-Effekt. Eine abweichende Erinnerung ist deshalb noch kein Beweis für eine Lüge.

Fazit zu falschen Erinnerungen

Fazit zu falschen Erinnerungen Dein Gedächtnis setzt Erlebtes bei jedem Abruf neu zusammen und kann es dabei verändern. Bartletts Geistergeschichte, die Unfallversuche von Loftus und die Wortlisten der DRM-Versuche zeigen dieses Muster aus verschiedenen Richtungen. Wie die Befragungen nach dem 11. September nahelegen, sagt ein hohes Vertrauen Monate später wenig darüber aus, ob die Details noch stimmen. Halte Wichtiges deshalb früh schriftlich fest und sichere Fotos und Nachrichten als echte Belege. Gestehe anderen im Streit eine ehrlich abweichende Erinnerung zu. Das spart Nerven, im Freundeskreis genauso wie bei der nächsten Diskussion über Pikachus Schwanz.